Die Essener nach Josephus Flavius

Josephus skizziert die vorherrschenden religiösen und politischen Vorstellungen und Strömungen. Jüdische Altertümer 18,1,2-6:

Bei den Juden gab es schon seit langer Zeit drei philosophische Sekten, nämlich die der Essener, Sadduzäer und Pharisäer ...

Während seiner Ausbildung zum Schriftgelehrten trat Josephus allen drei Sekten bei, um ihre Grundsätze kennen zu lernen. Am Ende entschied er sich für die Pharisäer, als deren Priester er dann in Jerusalem bis 66 n. Chr. bestallt war. Strittig waren vor allem die Dauerhaftigkeit der Seele und die Lebensweise.

Die Lehre der Sadduzäer lässt die Seele mit dem Körper zu Grunde gehen und erkennt keine anderen Vorschriften an als das Gesetz. Sogar gegen die Lehrer ihrer eigenen Schule im Wortstreit anzugehen, halten sie für rühmlich. Ihrer Anhänger sind nur wenige, doch gehören sie den besten Ständen an. Übrigens richten sie nichts Bedeutendes aus, und wenn sie einmal dazu genötigt sind, ein Amt zu bekleiden, so halten sie es mit den Pharisäern, weil das Volk sie sonst nicht dulden würde.

Die Pharisäer leben enthaltsam und kennen keine Annehmlichkeiten. Was vernünftige Überlegung als gut erscheinen lässt, dem folgen sie und halten es überhaupt für ihre Pflicht, den Vorschriften der Vernunft nachzukommen... Sie glauben auch, dass die Seelen unsterblich sind und dass dieselben, je nachdem der Mensch tugendhaft oder lasterhaft gewesen, unter der Erde Lohn oder Strafe erhalten. Sodass die Lasterhaften in ewiger Kerkerhaft schmachten müssen, während die Tugendhaften die Macht erhalten, ins Leben zurückzukehren...

Die nach unseren Begriffen radikalste Partei kommt am besten weg.

Die Essener dagegen lehren, man müsse alles dem Willen Gottes anheimgeben. Sie glauben an die Unsterblichkeit der Seele und halten den Lohn der Gerechtigkeit für das erstrebenswerteste Gut... Ganz besonders bewunderungswürdig und lobenswert aber sind sie wegen einer bei den Griechen und den anderen Völkern völlig unbekannten, bei ihnen jedoch nicht etwa erst seit kurzer Zeit, sondern schon seit vielen Jahren herrschenden ausgleichenden Gerechtigkeit, infolge deren sie vollkommene Gütergemeinschaft haben und dem Reichen nicht mehr Genuss von seinen Gütern lassen wie dem Armen. Nach dieser Lehre leben über viertausend Menschen. Sie heiraten ebenso wenig, als sie Knechte halten, da sie das letztere für Unrecht, das erstere aber für die Quelle alles Streites halten, und so leben sie voneinander abgesondert und dienen einer dem andern.

Eine vierte Partei hatte neben der religiösen Erneuerung auch die Beseitigung jedweder Oberherrschaft auf ihre Fahnen geschrieben.

Außer diesen drei Schulen nun gründete der Galiläer Judas eine vierte, deren Anhänger in allen anderen Stücken mit den Pharisäern übereinstimmen, dabei aber mit großer Zähigkeit an der Freiheit hängen, und Gott allein als ihren Herrn und König anerkennen...

Demokratische Vermögensverwaltung. Jüdischer Krieg, 2,8,3:

Den Reichtum verachten sie, und bewundernswert ist bei ihnen die Gemeinschaft der Güter, sodass man niemand unter ihnen findet, der mehr besäße als die anderen. Es besteht nämlich die Vorschrift, dass jeder, der der Sekte beitreten will, sein Vermögen der Gesamtheit abtreten muss, und so bemerkt man durchgehend weder niedrige Armut noch übermäßigen Reichtum, sondern alle verfügen wie Brüder über das aus dem Besitztum der einzelnen Ordensmitglieder gebildete Gesamtvermögen... Die Verwalter des gemeinsamen Vermögens werden durch Stimmenmehrheit gewählt, und jeder ohne Unterschied muss sich zu Dienstleistungen für die Gesamtheit bereit finden lassen.

Die Urgemeinde der Apostelgeschichte ist also keine Novität. Auch für die christliche Seelenlehre haben die Essener schon mal vorgedacht, mit Anleihen bei jüngeren griechischen Philosophen. JK 2,8,11:

Sie hegen den festen Glauben, dass der Körper zwar der Verwesung anheimfalle und vergänglich sei, die Seele dagegen in Ewigkeit fortlebe und dass aus dem feinsten Äther stammend, durch einen natürlichen Zauberreiz herabgezogen und in den Körper gleichwie in ein Gefängnis eingeschlossen werde. Sobald die Seele aber von den Banden des Fleisches befreit sei, entschwebe sie, wie aus langer Knechtschaft, in seliger Wonne zur Höhe. In Übereinstimmung den jüngeren Hellenen lehren sie, den Guten sei ein Leben jenseits des Ozeans beschieden und ein Ort, weder Regen noch Schnee noch Hitze belästige, sondern ein beständiger, vom Ozean her sanft wehender Zephyr kühle; den Bösen dagegen weisen sie eine finstere Höhle voll ewiger Qualen an.

Die Aufnahme erfolgte nach einem Probejahr und war mir einer Taufe verbunden. JK 2,8,7:

Hat er in diesem Zeitraum die Mäßigkeitsprobe bestanden, so tritt er der Genossenschaft näher; er nimmt an der reinigenden Wasserweihe teil ...

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