0. Entstehung des Gutachtens

0.1 Ein Klon wird uns geboren

Im April 2002 suchte ich (Peter Milger) auf Anraten einer Kneipenbekanntschaft im Internet nach clon jesus und erlebte ein Wunder: 280.000 Einträge. Die Debatte war in den USA von Leuten angestoßen worden, die als The Second Coming Project (TSCP) firmierten. Unter der Adresse www.clonejesus.com kündigten sie an, die Wiederkehr Jesu mit eben jener Klontechnik bewerkstelligen zu wollen, der das Schaf Dolly sein Leben verdankt. Genauer nunmehr, verdankte. Das Vorhaben im Wortlaut:

We will clone Jesus, utilizing techniques pioneered at the Roslin Institute in Scotland.

Und weiter, in diversen Reliquiensammlungen existierten laut Auskunft der Verzeichnisse Partikel, die Jesus einst körpereigen waren. Das sind Komiker, war mein erster Gedanke, aber die mit US-Verhältnissen vertrauten Kritiker, die sich im Netz meldeten, nahmen die Sache verdammt ernst. Tenor: Die versuchen es wirklich. Demnach war mit Folgendem zu rechnen: Die TSCP-ler entnehmen einem derartigen Partikel eine Zelle, entfernen aus ihr den Zellkern mit den Genen Jesu, transferieren ihn in eine entkernte menschliche Eizelle, veranlassen diese zur Teilung und leiten mit dem Embryo eine künstliche Schwangerschaft ein. Eine jungfräuliche Ersatzmaria, so die Verlautbarung, stehe auch schon zu Verfügung, in dieser Hinsicht sei also eine zweite Jungfrauengeburt kein Problem.

The fertilized egg, now the Zygote of Jesus Christ, will be implanted in the womb of a young, virginal woman, who has volunteered of her own accord, who will then bring the Baby to term in a second virgin birth.

Einige Skeptiker gaben auf ihren Webseiten zu bedenken, das Vorhaben könne technisch nur durch ein Wunder gelingen, wenn nämlich die Zellenkerne samt der DNA dem Zahn der Zeit getrotzt hätten. Befürworter des Projekts erinnerten dagegen an die übernatürliche Komponente bei der Zeugung Jesu, also sei eine Wiederholung nicht völlig auszuschließen. Ursprünglich sollte die Klonierung Jesu schon im Jahr 2001 über die Bühne gehen, aber zu finanziellen Problemen kamen auch grundsätzliche. Die Projektgruppe beklagt die mangelnde Auskunftsbereitschaft des Vatikan. Auf ihre Anfrage nach den Aufbewahrungsorten der Reliquien sei ihnen aus Rom beschieden worden: Über den Verbleib solcher Objekte habe man keine Kenntnis und sofern sie überhaupt existierten, könne für ihre Echtheit nicht gebürgt werden. Man möge auch bedenken, dass der ganze Komplex von der protestantischen Propaganda hochgespielt worden sei. Die TSCP darauf unverdrossen: Ihre Leute seien schon auf der Suche nach den Jesus-Reliquien:

This is a typical roman lie. Several members of our group are travelling throughout Europe in search for the relics. No one will stop the Second Coming of Christ. Amen.

Auf mehreren Internetseiten wurden auch die enormen Konsequenzen diskutiert. Nach christlicher Lehre würde nämlich mit der Wiederkunft Jesu das Weltende samt dem jüngsten Gericht fällig, und das Reich Gottes käme über uns. Ein echter GAU also in Betrachtziehung meines Lebenswandels.

0.2 Was tun?

Erschrocken lud ich einige Freunde und Bekannte zu einem Privatsymposium ein, um die Angelegenheit zu erörtern. Einige erschienen tatsächlich, darunter eine Biologin, zwei junge Theologen, ein Philosoph und ein Kirchenhistoriker. Die Diskussion war lebhaft und kontrovers. Einige meinten, das finale Strafgericht sei doch wohl eine literarische Erfindung zwecks Besserung des Menschen, andere warfen ein, dafür mangele es an Beweisen. Schon die Ankündigung eines diesmal finalen Auftritts Jesu könnte einen Endzeitwahn mit fürchterlichen Folgen auslösen, warnte schließlich Dr. Konrad M. (Promotion: Die Geldschöpfungsfantasien des höheren Klerus im Spätmittelalter). Er erinnerte an die allein 50 Millionen Evangelikalen in den USA, die glauben, die Wiederkehr Jesu stehe unmittelbar bevor.

Wenn man denen einen Jesus präsentiert, der predigt, der Endkampf gegen das Reich des Bösen habe begonnen, um Platz zu machen für das Reich Gottes, gibt es kein Halten mehr.

Beschluss: Wir gründen uns selbst als Untersuchungsausschuss, verfassen ein Gutachten über das Wesen Jesu und die Wünschbarkeit seiner Wiederkehr in welcher Form auch immer.

0.3 Jesus Terminator?

Konrad räusperte sich

Ich kenne ein italienisches Mitglied der römischen Glaubenskongregation. Er hat mir unter dem Sigel der Verschwiegenheit mitgeteilt:

1. Kardinal Ratzinger schreibt ein Buch über Jesus.
2. Alles deutet daraufhin, dass er die Nachfolge von Papst Johannes Paul II. antreten wird.
3. Es ist zu erwarten, dass Ratzinger alle Ansätze einer liberalen und privaten Deutung der Person Jesu als ketzerisch verwerfen wird und das Dogma seiner Wesensgleichheit mit Gott und vom strengen Richter verstärken wird.

Jetzt erschraken die beiden Theologen und meinten, dieser reaktionären Auslegung müsse man unbedingt entgegentreten. Beschluss: Das Gutachten soll auch darauf eingehen und sukzessive unter klont-jesus-nicht.de ins Internet gestellt werden.

Weil zu erwarten war, dass wir zwischen alle möglichen Fronten geraten würden, habe ich auf Drängen meines Freundes Konrad von Anfang an Notizen gemacht und die Gespräche aufgezeichnet. Fall es Ärger gibt, sagte er, kann du ja ein Buch schreiben. Und richtig, es gab reichlich Ärger.

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