2 Vorhaut im Himmel oder auf Erden?

2.1 Verwendung einer einzigartigen Untersuchung

Die hochheilige Vorhaut Christi. Im Kult und der Theologie der Papstkirche, Alphons Victor Müller, Berlin, 1907.

2.2 Müller zitiert korrekt

Der Autor macht deutlich, dass er die von ihm geschilderten Praktiken für abwegig hält. Müller arbeitet aber insofern wissenschaftlich, als er seine Quellen nachweist und zum Teil auch zitiert.

2.3 Hin und her wogt der Theologenstreit über die Vorhaut

Aus Kapitel II: Allgemeine Geschichte des allerheiligsten Präputiums (Vorhaut) und Kapitel III: Dogma und Praeputium. Zwischenüberschriften von uns.

2.3.1 Vorhaut weg, weil im Himmel

Da der Beschneidung Christi bei Lucas 2, 21 Erwähnung geschieht, lag es nahe, dass die Schrifterklärer sich auch die Frage stellten: Was ist aus dem abgeschnittenen Teil geworden? ... Anastasius Sinaita schreibt im ausgehenden VII. Jahrhundert in seinen Quaestiones et Responsiones:

„Auf alle Fälle aber hat Er, der sich freiwillig beschneiden ließ, das Praeputium aufbewahrt, damit Er es bei seiner Auferstehung wieder annehmen konnte, damit Er einen unverwesten und vollständigen Körper ohne jeden Fehler besäße."

In demselben Sinne lehrte auch Theophylakt (um 1150) in Cap. II, Lucae:

„Es scheint, dass Er diese Partikel unversehrt aufbewahrt und sie bei der Auferstehung wieder angenommen hat, damit er nicht ohne diese Partikel befunden würde."

2.3.2 Oder auch auf Erden? Christus auch ohne Vorhaut schön

Nach reiflicher Überlegung fanden aber die Theologen dennoch einen Ausweg aus dieser Sackgasse und zogen vor, die Echtheit der Lateranreliquie unangetastet zu lassen ... Zu diesem Zwecke erörterten sie etwas näher den Begriff der „Integrität" ... Christus musste im Himmel alles besitzen, was zum SEIN und GUT SEIN notwendig war. In diese Kategorie gehörten nach ziemlich allgemeiner Auffassung Finger- und Fußnägel, Kopfhaar und Barthaar. Da jedoch diese Dinge nur als „den Körper schmückend" postuliert wurden, sollten sie „nicht zu lang und nicht zu kurz", sondern nach der gerade herrschenden himmlischen Mode gestutzt sein. Zähne und Eingeweide wurden gleichfalls als notwendige Requisiten des auferstandenen Körpers angesehen, dagegen glaubte man auf Speichel, Schweiß und andere Exkremente verzichten zu können. Streitig blieb dagegen unsere Frage: Ist das Praeputium notwendig zum SEIN und GUT SEIN des auferstandenen Körpers? Gehört es zu seiner „Integrität"?

2.3.3 Ein Rest für die Gläubigen

Auf diese Frage antwortete eine Theologenschule: Nein! Das Praeputium gehört nicht zur Integrität des auferstandenen Körpers. Christus braucht mithin im Himmel kein Praeputium und besitzt auch tatsächlich diesen Teil nicht, sondern hat ihn auf der Erde zurückgelassen. Die Lateranreliquie ist daher echt ... Das Praeputium kann unmöglich als ein Körperteil angesehen werden. Es ist nur ein Häutchen, ein winziges Fragmentchen. Christus hat nur den erforderlichen Teil seines Blutes im Himmel wieder angenommen, den Rest ließ er zur Verehrung durch die Gläubigen auf der Erde. So hatte er es auch nicht nötig, alle Teilchen seines Körpers wieder anzunehmen. Ein weiteres Argument wurde aus der Stammeszugehörigkeit Christi gezogen ... Christus ist insoweit ganz auferstanden, als dieses ganz zum Sein und Schönsein beiträgt. Der Jude findet aber die Sache „ohne" schöner. Ergo ... er hat es nicht.

2.4 Im Himmel alle beschnitten?

Einige Heißsporne verdarben den Erfolg dieser Schulmeinung ... Wenn Christus kein Praeputium im Himmel haben sollte, hielten diese Herren es für unpassend, dass andere Himmelsbewohner in dieser Hinsicht etwas vor Christus voraus hätten. Demgemäss stellten sie die These auf, dass sämtliche Himmelsbewohner, um auch in diesem Punkte Christo gleich zu sein, vor ihrem Eintritt in die Seligkeit sich der bekannten Operation unterwerfen müssten! Diese etwas dreiste Behauptung regte besonders die Jesuiten Ferrandus und Suarez auf. Dass Christen mit diesem „schändlichen jüdischen Merkmal" gezeichnet werden könnten, hielten sie für Wahnsinn, eine jüdische Behauptung, und eine geradezu unglaubliche Sache.

2.5 Zu klein

Ebenfalls ausgeschlossen wurde die Ansicht, dass Christus sein altes Praeputium wieder angenommen habe. Eine solche Wiederaufnahme wäre zwecklos gewesen, denn da er es acht Tage nach der Geburt verlor; hätte es bei der Auferstehung, wie jedem einleuchtet, um ein Bedeutendes vergrößert werden müssen. Durch eine solche plötzliche und nicht kontinuierliche, außerordentliche Vergrößerung wäre die moralische Identität des alten Praeputiums zerstört worden. So der Jesuitentheologe Kardinal De Lugo.

2.6 Nachgebaut und vermehrt

Suarez stellte die These auf, dass dieser nebensächliche Teil ... aus einer verwandten Materie geformt worden sei, die er von seinem Körper abgestoßen habe. Auf diese Weise wurde es ermöglicht, dass Christus im Himmel eine eigene, ihm nicht fremde Vorhaut hatte und dieser Körperteil Christi zugleich auf Erden gezeigt werden konnte ... Gott hätte aber machen können in seiner Allmacht, so schließt der Bischof Rocca, dass ein und dasselbe Praeputium zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten hätte gezeigt werden können!

2.7 Bestände in Rom

Nach der ersten Rezension des „libellus de Sanctis Sanctorum" befanden sich in der päpstlichen Privatkapelle unter anderen weniger auffallenden Reliquien:

„Die Vorhaut und die Nabelschnur Christi (praeputium und umbilicus).
Ein Brot und dreizehn Linsen vom letzten Abendmahl.
Kohlen, vom Blute des h. Laurentius besprengt,
und etwas von seinem Fett
Der Schwamm, mit dem Christus am Kreuz Essig gereicht wurde.
Ein Stück von der Krippe des Herrn
Das Tuch mit dem Jesus die Füße seiner Jünger abgetrocknet hat
Der ungenähte Rock Christi
Der Purpurmantel Christi
Zwei Flaschen, mit Wasser und Blut aus der Seite des Herrn gefüllt
Ein Stück vom Schleier und Haare Marias.
Milch von der allerseligsten Jungfrau."

Zurück
Siehe auch oder etwa